2010 – Der heiße Herbst der Wohnprojekte

Oktober 2010
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Der heiße Herbst der Wohnprojekte

Veranstaltungsort: Raum der IG Architektur
Dienstag 19. 10. 2010, 19:00 Uhr

Für eine Baugruppenkultur in Wien – Wege zum sozialen Bauen

Eine Diskussion mit

Christoph Chorherr, Gemeinderat, Die Grünen Wien
Jens Dangschat
, Stadtsoziologie an der TU Wien
Andreas Feldtkeller, langjähriger Leiter Stadtsanierungsamt Tübingen, Planer der Südstadt Tübingen
Wolfgang Förster, MA50 – Wohnbauforschung, Mitglied im Grundstücksbeirat und der Jury der Bauträgerwettbewerbe“
Andrea Holzmann-Jenkins, Geschäftsführerin Wohnbauvereinigung für Privatangestellte

Moderation: Sabine Oppolzer, Ö1 Redakteurin, Aktuelle Kultur

Bericht: Ernst Gruber und Constance Weiser
Fotos: Ernst Gruber, Christina Lenart

Nach der Begrüßung durch Ernst Gruber stellt Annika Schönfeld als Obfrau der Initiative Gemeinschaftlich Bauen und Wohnen drei Forderungen von Baugruppen an die Stadtpolitik vor:

1.) Das Vorhalten, also die Anhandgabe, bzw. die Reservierung geeigneter Grundstücke für Baugruppen durch die Stadt, bis die Gruppe nach einer bestimmten Frist eine entsprechende Planung, die erforderlichen Gruppenmitglieder und die notwendigen Mittel zusammengestellt hat, um die geforderte Sicherheit zu gewährleisten und den Zuschlag zu erhalten.

2.) Eine Beratungsstelle für Baugruppen und interessierte Laien zur Anleitung, Vernetzung und Weiterbildung, die ev. auch gleich die Abwicklung der Grundstücksvergabe übernehmen kann. Mit der bisherigen Tätigkeit hat die Initiative zwar versucht, diese Aufgabe zu übernehmen, aber ehrenamtlich stößt der Verein bald an die Grenzen seiner Kapazität.

3.) Die Ausnahme von der Anbotsverpflichtung für Baugruppen im geförderten Wohnbau, da die sozialen Aspekte bei einer Baugruppe bereits gut abgedeckt sind und ein Drittel unbekannter MitbewohnerInnen ein auf einer Gemeinschaftsidee aufbauendes Projekt gefährden können. Zudem ist die notwendige Vorfinanzierung für ein Drittel der Errichtungskosten von den übrigen Gruppenmitgliedern kaum zu tragen.

„Damit der Nutzer seinen Beitrag zur Stadtentwicklung machen kann“

Andreas Feldtkeller formuliert gleich zu Beginn die Bedeutung der Mitsprache zukünftiger NutzerInnen in Bezug auf eine kleinteilige Stadtentwicklung. Bauträgerprojekte verfolgten aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten die Segregation von Wohnen und Arbeiten im fordistischen Sinne, so Feldtkeller. Hier sind Baugruppenprojekte als Gegenentwurf gefragt, die wie im Beispiel Tübingen Wohnen und Arbeiten kombinieren. Die Nachfrage nach gemischten Wohn- und Arbeitsgrätzeln liege laut Feldtkeller bei 75 Prozent, die einem Angebot von lediglich 10 Prozent gegenüberstehe. Durch die erzielte Kleinteiligkeit können Stadtgebiete als Orte großer Diversität entstehen, ein Mosaik aus unterschiedlichen Quartieren, in denen auch Fragen der Integration leichter bewältigt werden können, was einem strukturellen Wiederherstellen der „alten Stadt“ gleichkommt. Feldtkeller bekräftigt die Notwendigkeit eines stärkeren politischen Eingreifens, „damit der Nutzer seinen Beitrag zur Stadtentwicklung machen kann“. Jens Dangschat verweist neben dem Tübinger Modell auf  die „Stattbau“ Hamburg, wo gezielt Menschen angesprochen wurden, die Wohnen und Arbeiten kombinieren wollten und dazu in der Stadt keinen geeigneten Ort vorfanden. Ausschlaggebend für eine erfolgreiche und zukunftsweisende Baugruppenkultur seien Verhandlungen und Entgegenkommen seitens der Stadtpolitik. „Das Potenzial von Baugruppen ist in Wien noch gar nicht abschätzbar“, so Dangschat.

Christoph Chorherr verweist in Hinblick auf die Erdgeschosszonen auf einen klaren Gegensatz zwischen Baugruppenprojekten und denen von Bauträgern: Baugruppen hätten zumeist mehr Ideen für eine Erdgeschossnutzung als Raum zur Verfügung stehe. Wirtschaftliche Gesichtspunkte veranlassen Bauträger zumeist dazu, diese Bereiche als Garagenplätze auszuweisen. Als weiteren, wesentlichen Vorteil für den Stadtraum sieht Chorherr die auffällig hohe Präsenz von Kindern in von Baugruppen geprägtem Umfeld.

Wie kann die künftige Zusammenarbeit mit der Stadt im Sinne einer Baugruppenkultur gestaltet werden?

Bezugnehmend auf die Forderung der Initiative nach einer Anlaufstelle für Baugruppen innerhalb der Stadt weist Wolfgang Förster als ersten Schritt auf die eben eingerichtete Erstinformationsstelle beim Wohnfonds Wien hin: baugruppen@wohnfonds.wien.at, Telefon: 403 59 19 – 86695. Diese Stelle sei im Aufbau begriffen und ziele auf Anfangsberatung und -unterstützung ab. Auch Wünsche nach bestimmten Grundstücken seien hier deponierbar, man könne sich auch als InteressentIn registrieren lassen. Weitere Beratung werde laut Förster bei der Stadt aber keine stattfinden. Er sieht Eigeninitiative in einem Vernetzungsrahmen wie jenem der Initiative, auch in Rückkoppelung mit dem Wohnfonds, als wünschenswert und notwendig an. Dem schließt sich auch Christoph Chorherr an, der bei der Forderung nach einer Baugruppenstelle im Rahmen der Stadt vorsichtig wäre, um nicht die Verhandlungsbasis auf Augenhöhe und die notwendige Flexibilität gegenüber dem Magistrat zu verlieren. „Das wichtigste, was uns in den nächsten Jahren passieren muss“, so Chorherr, „ist eine Reihe möglichst vielfältiger Baugruppenprojekte.“ Dabei werde die geeignete Parzellengröße eine grundlegende Rolle spielen. Die Stadt wisse zudem sehr gut, wo in den nächsten zwei bis drei Jahren innerstädtisch Platz frei werden wird. Es bestehe nach seiner Einschätzung also eine gute Handlungsbasis.

Baugruppenmodelle: Mit oder ohne Bauträger?

Für Wolfgang Förster stellen Baugruppenprojekte ein durch Partizipation und Durchmischung genährtes „Labor für neue Ideen“ dar, im Stande, profitable Ergebnisse für den Mehrheitswohnbau zu liefern. Andrea Holzmann-Jenkins meint, man müsse als Bauträger Lust haben, an Partizipation und Nachbetreuung mit zu wirken und „an die Idee glauben“. Aufgrund der generell hohen Nachfrage nach Wohnraum gebe es kaum nennenswerte ökonomische Vorteile für Bauträger durch die Zusammenarbeit mit Baugruppen. Unter dem Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit seien Bauträger allerdings in zunehmendem Maße mit der Einbeziehung karitativer und integrativer Institutionen befasst. Durch die Beteiligung der BewohnerInnen an der Planung sei jedenfalls eine erhöhte Verantwortung gegenüber deren Wohnraum und dem gesamten Objekt zu beobachten, was auch helfe, Folgekosten zu minimieren.

Jens Dangschat hingegen fordert aufgrund der Arbeit der Bauträger nach streng betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten, die „Baugruppen müssen aus den Bauträgermodellen und aus der Bauträgerlogik herausgehalten werden“. Er sieht einen substanziellen Vorteil von Baugruppen in der erzielbaren Durchmischung und Nutzungsflexibilität. So können beispielsweise die Freiflächen eines in ein Baugruppenprojekt mit einbezogenen Kindergartens am Wochenende als Gemeinschaftsanlage genutzt werden. Diese Vorteile stellt er in Abhängigkeit mit einer Deregulierung und einem damit einhergehenden Verzicht auf Kontrolle seitens der Stadtpolitik.

Vergabewohnungen

In Hinblick auf die Forderung der Initiative nach der Ausnahme von der Anbotsverpflichtung für Baugruppen stellt Wolfgang Förster zunächst die gegenseitige Kooperationsbereitschaft zwischen der Stadt und den Baugruppen als positive Grundlage fest. Beide Parteien wären nicht mehr weit von einander entfernt. Als Vertreter von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig stellt er zunächst fest, dass „politisch gesehen ein vollkommenes Fallen der Anbotsverpflichtung für Baugruppenprojekte nicht durchzubringen“ sei, da es sich hier um eine soziale Verantwortung der Stadt im Rahmen einer Gegenleitung für eine Förderung handle. Im Sinne einer sozialen Durchmischung sprach er sich dezidiert gegen Eigentumsmodelle im Zusammenhang mit Ausnahmen von der Anbotsverpflichtung aus. Eine frühe Miteinbeziehung einer Baugruppe im Planungs- und Gruppenfindungsprozess.mit dem Wohnfonds biete laut Förster jedoch die Möglichkeit, das Drittel an Anbotswohnungen mit Interessenten zu besetzen, die zu der Baugruppe passen könnten.

Es sei ein sozialdemokratischer Ansatz, zu glauben, dass soziale Durchmischung irgendetwas bewirke, was die Gesellschaft zusammenhält, so Jens Dangschat, dafür gebe es keinen empirischen Beweis. Durchmischung sei ein aufwändiger sozialer Prozess, der sich nicht über Strukturdaten erreichen ließe: „Zahlen taugen nicht als Steuerungsmittel“, so Dangschat. Er stellt die Gemeinschaft, aus der heraus Baugruppen entstehen, als zentralen Punkt gegenüber legislativ bestimmter Durchmischung in den Vordergrund.

Christoph Chorherr kann sich Baugruppenprojekte vorstellen, die in Zusammenarbeit mit karitativen Einrichtungen entstehen, von denen es genügend gebe. Als Beispiel nannte er die Caritas oder das Flüchtlingsheim. Diesen „Wiener Kompromiss“, wie es Chorherr formulierte, griff Wolfgang Förster auf und bekräftigte, das beispielsweise die Errichtung von Wohnraum für Flüchtlinge, die eine Baugruppe zur Verfügung stelle, jedenfalls von der Anbotsverpflichtung abgezogen werden könnten. Ob kleine Gruppen diese Möglichkeit des karitativen Engagements aber überhaupt hätten, stellte Andrea Holzmann-Jenkins jedoch in Frage.

Abschließend wurden die Potenziale der Erdgeschosszonen im städtischen Bereich diskutiert, ein Punkt der im Zusammenhang mit Baugruppen zentral für das Quartiersbild ist. Die Initiative Gemeinsam Bauen Wohnen wird sich in den kommenden Tagen der Auswertung der gewonnenen Informationen aus den Diskussionen widmen und damit befassen, wie die weiteren Schritte hinsichtlich einer Etablierung einer für Wien adäquaten Baugruppenkultur mit den gewonnen Erkenntnissen und potenziellen Partner und Partnerinnen gestaltet werden kann.
Linksammlung zur Diskussion:

Stattbau Hamburg
www.stattbau-hamburg.de
STATTBAU HAMBURG wurde 1985 in dem Umfeld von Protesten gegen die Stadtentwicklungspolitik mit großräumigen Abrissplänen und Hausbesetzungen gegründet. Ziel war und ist es noch heute, neue Qualitäten im Planen, Bauen und Wohnen zu realisieren. Es sollen Beteiligungs-formen entwickelt und Verantwortung an Menschen oder Gruppen übertragen werden, die sie üblicherweise nicht erhalten.

w5 Planungsgesellschaft mbH, Tübingen
Beispiele des „Tübinger Modells“, mit dem Schwerpunkt auf Wohnen und Arbeiten
www.baugemeinschaft.org

Aspern Baugruppen
www.aspern-baugruppen.at

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Der heiße Herbst der Wohnprojekte

Wie wird’s verbindlich?
Umsetzungsformen für Baugruppen.

Veranstaltungsort: Raum der IG Architektur
Dienstag 28. 9. 2010, 19:00 Uhr

Diskussion mit

Markus Distelberger, Jurist und Konsulent für Gemeinschaftsprojekte
Günther Neuwirth, Bank Austria, Corporate&Investment Banking
Helmuth Schattovits, Sprecher des Verbandes B.R.O.T.
Martina Schödl, Bauträgervereinigung Schwarzatal
Klaus Wolfinger, Bauträger Kallco
Robert Temel, Architekturforscher

Moderation: Karin Wallmüller, Mitbegründerin der Grazer Baugruppen-Initiative W:A:B

Bericht: Ernst Gruber und Constance Weiser
Fotos: Ernst Gruber

Im nahezu voll besetzten Raum der IG Architektur widmete sich die Diskussionsrunde der zentralen Frage, wie sich der Weg von der Idee zur Umsetzung eines Baugruppen-Projekts gestalten könnte. Die wichtigsten Aspekte einer selbstgebauten Nachbarschaft sind neben der Idee, der Gruppe und dem Grundstück auch die Rechts- und Umsetzungsform, die das Gesamtgefüge prägen. Das Spektrum der aufgezeigten Möglichkeiten erstreckte sich von Wohnprojekten, die als Verein in Heimform auf Mietbasis funktionieren über Projekte im (Mit-)Eigentum, , bis zu neueren Mietobjekten, die zum Großteil in Zusammenarbeit mit einem Bauträger entwickelt wurden.

Nach einer Einführung von Robert Temel über mögliche Rechtsformen für Baugruppen in Wien und einem Vergleich zu der Situation in Deutschland wurden zunächst die Vor- und Nachteile des Wohnungseigentums im Zusammenhang mit Baugruppenprojekten erläutert. Markus Distelbergers Erfahrung aus der juristischen Betreuung von Wohnprojekten zeigt, dass das Eigentum ein häufig gewähltes Modell kleinerer Projekte ist. Einerseits kann so die finanzielle Haftung getrennt werden, andererseits bringt das Eigentumsverhältnis zumeist auch eine allmähliche Auflösung des Gemeinschaftsgedankens mit sich. Besondere Eigentumsverträge helfen hier, die gemeinsamen Ziele, sowie die Frage der Wohnungsweitergabe mittels Vorkaufsrecht zu regeln.

Dass ein „Gemeinschaftskonzept“ für den Fortbestand der Idee des gemeinschaftlichen Zusammenlebens essentiell wäre, bekräftigte auch Klaus Wolfinger vom Bauträger Kallco. Für ihn ist zudem die bloße Errichtung eines Wohnobjektes durch eine Baugruppe, wie es in Deutschland gängige Praxis ist, ein legitimes Gemeinschaftsziel.

„Bevor wir keinen Baugrund haben, beginnen wir kein Baugruppenprojekt“

Eine Alternative zum Eigentumsmodell und der klassischen Miete stellt der Verband B.R.O.T. dar, dessen Sprecher Helmuth Schattovits individuelles Eigentum – wenn es um die Gemeinschaft geht – als tendenziell destruktiv bezeichnet. Bei B.R.O.T. stehe die Werte der Selbstverantwortung, Selbstbestimmung und Solidarität im Mittelpunkt, das derart geprägte Netzwerk von Haushalten stärkt durch gegenseitige Kooperation wiederum das individuelle Bewusstsein der BewohnerInnen, die Dinge selbst in die Hand nehmen zu können. Schattovits sieht diese Wohnprojekte als Reaktion auf eine Gesellschaft zunehmender Individualisierung und als Eckpfeiler für eine selbstorganisierte, demokratische Gesellschaft. Rechtlich sind die Wohngemeinschaftsprojekte seines Vereines als Wohnheime angelegt und konnten bisher mittels Baurecht[1] auf Grundstücken im Besitz der katholischen Kirche umgesetzt werden. Die Finanzierung der Errichtung erfolgt kollektiv über den Verein und wird zu einem weiteren Drittel durch Fördermittel bestritten. Um möglichen Frustrationen vorzubeugen, die bei der langwierigen und meist schwierigen gemeinsamen Grundstückssuche entstehen können, wird mit der Gruppenfindung erst begonnen, nachdem ein Grundstück gefunden wurde.

Robert Temel betonte, wie wichtig das Sammeln von Erfahrungen von Gruppen wie B.R.O.T. für eine Baugruppenkultur in Wien sei. Er wies zudem auf das Fehlen von Banken, die dezitiert Baugruppen fördern, sowie auf das nicht existierende Berufsbild des Baugruppenbetreuers für die Realisierung von Baugruppenprojekten in Wien hin. In Deutschland hätte sich beides seit vielen Jahren erfolgreich bewährt, so begrüßte Temel auch das potenzielle Engagement deutscher Förderbanken in Österreich.

Die nach einander ablaufenden Entscheidungsprozesse im Wohnbau eröffnen eine Vielzahl an Ansatzpunkten für die unterschiedlichsten Betätigungsfelder: Auch Bauträger treten dabei als Anbieter von Gesamtpaketen für Baugruppen auf. Bankenvertreter Günther Neuwirth sprach Baugruppen die Empfehlung aus, sich nach erfolgreicher Grundstückssuche mit der Projektabwicklung und der Finanzierung an einen Bauträger zu wenden, um deren Erfahrung bei der Abwicklung derartiger Projekte zu nutzen und das finanzielle Risiko als Gruppe nicht selbst tragen zu müssen.

Für Bauträger kann somit eine Beteiligung der zukünftigen BewohnerInnen eine erfolgbringende Option sein, wenn es darum geht, eine breitere InteressentInnenschaft anzusprechen oder mittels Gemeinschaftskonzepten sowie der sozialen Verantwortung und Kompetenz von Baugruppen Bauträgerwettbewerbe zu gewinnen. Günther Neuwirth bestätigte in diesem Zusammenhang, dass durch die ökonomische Krise das Bewusstsein über die Bedeutung nachhaltigen Wirtschaftens auch Einzug in die Köpfe der Manager gehalten habe. Lakonisch könnte man hinzufügen, dass die Auseinandersetzung mit gemeinschaftlichen Bauprozessen vielen Bauträgern nicht erspart bleiben wird, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollen.

„Es ist umständlich, aber irgendwie schaffen sie’s immer“

Dem gegenüber stehen Gruppenprojekte, bei denen ähnlich wie bei einem Einfamilienhausbau die zukünftigen BewohnerInnen – allerdings gemeinsam – all die Probleme selbst lösen, für die man einen Bauträger bezahlt. Angefangen bei der Grundstücksuche kann sich das über Fragen der Finanzierung und Haftungsteilung bis hin zum Mitwirken an der eigentlichen Errichtung des Wohnobjektes erstrecken. Angesprochen auf das Baurisiko bekräftigten die in Baugruppenprojekten routiniertesten Diskussionsteilnehmer aus ihren Erfahrungswerten, dass die Entschlossenheit und das gegenseitige Vertrauen der an diesen Bauprozessen Beteiligten nahezu immer zu einem erfolgreichen Abschluss führe. Voraussetzung ist jedoch ein vorhandenes und eine handlungsfähige Kerngruppe.

Als ein Hauptproblem von Baugruppen kristallisierte sich die Schwierigkeit des Grundstückserwerbs am freien Markt heraus, oder wie Robert Temel es formulierte, die Handlungsfähigkeit der Gruppen, wenn sie am freien Markt den finanziell wesentlich besser ausgestatteten und somit viel schneller agierenden Bauträgern gegenüberstehen. Ohne die gesetzliche Möglichkeit einer Option bzw. eines Vorkaufsrechtes für Baugruppen, wie das in einigen Städten Deutschlands der Fall ist, liegt hier ein eklatanter Wettbewerbsnachteil vor.

Dieser Punkt und die Frage nach den Wohnungsvergabekriterien durch die Stadt Wien bei durch Fördermittel errichteten Wohnungen wird ein zentrales Thema der letzten Diskussionsrunde des „Heißen Herbstes“ sein, der am Dienstag, den 19. Oktober 2010, wieder in der IG Architektur stattfinden wird.



[1] Baurecht ist das dingliche, veräußerliche, vererbliche und zeitlich beschränkte Recht, ein Bauwerk zu erstellen oder zu haben (auf eine Dauer von maximal 99 Jahren).

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Der heiße Herbst der Wohnprojekte

Warum gemeinschaftliches Wohnen

Veranstaltungsort: Raum der IG Architektur
Donnerstag, 10.09.2010

…Projektübersicht als pdf

Im Mittelpunkt des Eröffnungsabends steht die Gemeinschaft. In einer offenen Diskussion kommen BewohnerInnen aus unterschiedlich lange bestehenden Baugemeinschaftsprojekten zu Wort. Es wird über Erwartungen an die Gemeinschaft, über die Bedeutung von Gemeinschaft und über die Intensität von Gemeinschaft im Laufe der Zeit geredet. Baugemeinschaftsinteressierten soll so Lust auf ein Projekt gemacht werden und eine Idee / Anregung geboten werden, in welcher Art von Projekt sie selbst Wohnen wollen.

Eingeladen waren:
– Tilmann Schleicher – Wohnen mit Kindern
– Ute Fragner – Sargfabrik
– Regine Beernaert – BROT 2
– Ina Ivanceanu – Wohnprojekt Wien
-Rossana Gutmann – Palletuvier Rief bei Sbg.

Moderation: Gabriele Tupy

Bericht: Constance Weiser
Fotos: Petra Hendrich

Fragen an die Diskussionsteilnehmer:

Seit wann besteht Ihr gemeinschaftliches
Wohnprojekt und wofür steht es?

– Tilmann Schleicher – Wohnen mit Kindern, von Ottokar Uhl 1979-84 für 16 Parteien / ~40 Personen, im Eigentum errichtet. Auch wenn die Zeit der vielen Kinder vorbei ist, ist auch nach 25 Jahren noch eine Kindergruppe vorhanden. Anfangs waren fast alle Studenten – mit dem Anspruch, jede Entscheidung selber zu treffen > 200 Sitzungen + 160 Arbeitsgruppentreffen, sowie 4 Jour Fixe über mehrere Tage um soziale Prozesse zu klären, Kernfragen zur Baustruktur waren schnell beschlossen, Geschmacksdetails eher langwieriger, daher werden dann oft neutrale Endentscheidungen getroffen.

– Ina Ivanceanu – Wohnprojekt Wien, BTWB Nordbahnhofareal, Planung von Eins:Eins Architekten 2010-13, noch in Entstehung befindliches Wohnheim mit 40 WE, es wird eine integrative Gemeinschaft mit unterschiedlichen Generationen und Lebensformen angestrebt, zusammen Wohnen unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit im Urbanen Raum in kommunikativer Architektur, die Begegnungen fördert.

– Rossana Gutmann – Palletuvier Rief bei Salzburg, von Fritz Matzinger vor 25 Jahren geplant, 32 WE, kommunikative Höfe als Gemeinschaftsräume, mittlerweile keine sich als Gemeinschaft verstehende Gruppe mehr, nur mehr 12 Kinder, während in der Anfangszeit ~ 40 Kinder waren.

– Ute Fragner – Sargfabrik u. Miss Sargfabrik, von BKK Architekten, 1989-96, 180 WE als Wohnheim und Trägerverein, ges. ~ 12.000m², ~ 250-300 Personen, Baukastensystem ermöglicht Flexibilität, durch Wohnungsrochaden oder Wohnungszusammenlegungen, durch die Größe ergibt sich einen eigene Struktur und Organisation, Wohnen mit Kultur und Integration, unterschiedlichste Gemeinschaftsräume: von kleiner Gemeinschaftsküche, Waschküche, Badehaus, Kinderbetreuungsstätte, … bis zu Orten der Kultur und Begegnung.

– Regine Beernaert – BROT 2 in Kalksburg, einem ehemaligen Jesuitenkonvent und neuen Gebäuden,
57 WE ~ 100 Personen, Generationen übergreifendes Projekt, einige WE von der Caritas betreut, Wohnheim mit unterschiedlichsten Gemeinschaftsräumen, Jugendraum, Kapelle, … 10 HA Grünareal, Startvorteil war Initiative aus dem ersten BROT Projekt, Gemeinschaft hat sich in den Arbeitsgruppen über die Erarbeitung des gemeinsames Ziels und der anstehenden Aufgaben geformt.

Was waren die größten Hürden und
Stolpersteine, die es in der Entstehungsphase
und später im Zusammenleben zu
überwinden galt?

– TS: Zeit und Naivität, Arbeitsaufwand am Anfang bis zu 300 Stunden / Jahr, Transformationsprozess über die Jahre hin zu mehr Ökonomie, positiv war Stundenabrechnung für Arbeitseinsatz (auch um Feste zu organisieren), läuft über Betriebskosten, Schwierigkeiten, als sich 2 Parteien aus der Gemeinschaft ausgeklinkt haben (5 Jahre und Prozess).

– RB: Transformationsprozess vom Schwerpunkt Beten zu Spiritualität – für manche zu viel, für andere zu wenig, Bauphase und Komplexität der bestehenden Struktur – 4 verschieden Baukörper, jede Menge Bauerschwernisse und daraus resultierende Verzögerungen und Kostenmehrungen > Sparen, teilweise Mitgliederabgang, viel Arbeit, Einzug brachte Gefühlschaos – von endlich da, bzw. Entwurzelung bis zu Kontaktstress, „Flitterwochen“ mittlerweile vorbei > Notwendigkeit, sich selbst neu zu definieren / positionieren, welche Regeln / wie geht man miteinander um,…

– II: viel Arbeit – 15 Personen mit bis zu 2 Stunden Engagement / Tag, unglaubliche Dynamik / Stress durch Bauträgerwettbewerb, Wechselspiel zwischen zu schnell und zu langsam, nicht alle haben in ihrer jew. Lebensphase gleich viel Zeit zur Verfügung > Disharmonien, schlechtes Gewissen, Überforderung.

– RB: gewisse Stunden Mitarbeit ist Verpflichtung für alle Vereinsmitglieder

– UF: Grundstückssuche und Kauf war erste große Hürde (nach 2 Jahren Gruppenbildung), Baubewilligung wurde beeinsprucht > Prozess ging bis zum Verwaltungsgerichtshof der Entscheidung aufgehoben hat, Umwidmungsverfahren abwarten, Baubetreuung selber übernommen, Blauäugigkeit war Glück.
Bezug und Organisation der Betriebe gerade in der Anfangsphase ohne Subventionen als weitere finanzielle Hürde, alle 120 Vereinsmitglieder sind kollektive Unternehmer und entscheiden mit > schweißt zusammen, Unternehmen auf professionelle Basis bringen, alle Betriebe (außer Lokal) sind im Verein und mittlerweile GmbH, Balance zwischen Gruppe und Organisation finden, Geschäftsführung mit 20 Angestellten, teilweise Verselbstständigung des Büros; Enttäuschungen haben Gefüge auch gefestigt, Abspaltungen sind durch Größe der Gruppe eher ungefährlich, es gibt nicht den Anspruch, dass alle mit allen kommunizieren / können müssen, Zusammenhalt in Nachbarschaften und Organisation in Arbeitsgruppen mit themenbezogenen Aktivitäten, Neigungsgruppen basieren auf Freiwilligkeit;
Risiko, die Organisation nicht einschlafen zu lassen gegeben, aber nach wie vor viele neue Ziele.

– RG: Eigentum mit entsprechenden „Besitzansprüchen“ wurde zum Hauptproblem, Verein wurde aufgelöst als sich 2 Parteien nicht mehr an vorherige Abmachung (keine Hunde) hielten, große Krise, viele zwischenmenschliche Konflikte aber ganz unterschiedliche Bedürfnisse trotz Anspruch „alle für / mit alle(n)“, mittlerweile wieder Annäherung, aber kein Verein mehr, keine übergeordnete Struktur für die 3 Höfe, laufende Überlegungen, wie / mit welcher Struktur wieder miteinander kommuniziert werden kann.

Was erleben Sie heute als Ihren persönlich größten Gewinn aus dem gemeinschaftlichen Wohnen?
Welchen Gewinn stellt gemeinschaftliches Wohnen aus
Ihrer Sicht für die Gesellschaft dar?
Sollte es in Österreich mehr solche Projekte geben?

– TS: hoher persönlicher Benefit, fast alle Eltern waren in Schulforen engagiert, Kindergruppen wurden gegründet und er selber hat sogar Zirkusschule initiiert und unterrichtet im Kolleg für Kindergartenpäda-gogik > große Vernetzung, Inhalte werden diskutiert, Selbstbestimmung der Kinder, Hinterfragen lernen, Dinge nicht so schnell hinnehmen,…

– UF: gesellschaftspolitsches Experiment, Gruppe übernimmt Verantwortung um aus Gestaltungsohnmacht heraus zu kommen > das eigene Leben in die Hand zu nehmen und sich auch um das Wohl des Nachbarn zu kümmern > Nachhaltigkeit. Macht Mut, neue Wege zu beschreiten! Rückwirkungen / Einfluss durch Wohnprojekt auf sozialen Wohnbau in Wien beobachtbar (Nachfragen).

– II: Schon allein der Prozess zahlt sich aus, Gestaltungsmöglichkeiten auch einmal im baulichen Bereich und im emotionalen > Ganzheitlichkeit.

– RG: super Kindheit mit vielen anderen Kindern und zusätzlichen Bezugspersonen, raus aus dem Abhängigkeitsverhältnis von staatlichen Strukturen.

– RB: persönlicher Lebenssinn und Energiegewinn > Zugehörigkeitsgefühl. Sozialpolitisch extrem wichtig als Gegenpol zu Individualisierung und Vereinzelung. Soziales Netz ist spürbar und gibt Sicherheit, da mehrere Menschen mittragen / mithelfen. Es ist eine radikale Entscheidung, sich darauf einzulassen und den Mut zu haben, es anzugehen.

– UF: politische Forderung aufstellen, dass Grundstücke für Baugemeinschaften zur Verfügung gestellt werden – schon aufgrund des gesellschaftlichen Mehrwerts, den sie generieren!

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